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Interview wegen der Anzeige gegen Xavas mit der Bundessprecherin der Linksjugend ['solid] PDF Drucken
03.01.2013
 
Kurze Vorstellung deinerseits: 

Josi Michalke, 21, Studentin 
Bundessprecherin der Linksjugend ['solid] 

Was war der Anlass der Anzeige? 
 
Xavier Naidoo und Kool Savas haben auf ihrem Album 'gespaltene 
Persönlichkeit' 2012 einen Hidden Track mit dem Titel 'Wo sind' versteckt, 
der unserer Ansicht nach homophobe und menschenfeindliche Inhalte transportiert. 
Hierin finden sich Textstellen wie "Ich schneide Euch jetzt mal die Arme und die Beine ab und dann fick ich euch in'n Arsch, so wie Ihrs mit den Kleinen macht." oder "Warum liebst Du keine Möse? Weil jeder Mensch doch aus einer ist." sowie "[...]würd ich Euch töten.". 

 Wie kam es zu der Entscheidung Xavas anzuzeigen? 
 
Wir entdeckten den Song eher zufällig - und wunderten uns darüber, dass der Song nirgendwo thematisiert wurde. Und das, obwohl das Album auf Platz 1 der Albumcharts stand. 
Dass Xavas nie Kritik dafür bekommen haben, obwohl das wahrscheinlich sehr viele Menschen gehört haben, konnten wir nicht so hinnehmen. Also entschieden wir uns, damit 
an die Öffentlichkeit zu gehen. Die Anzeige war dabei eher Mittel zum Zweck, weil wir 
die beiden Künstler damit unter den Druck setzen wollten, sich äußern zu müssen. 
Uns war bewusst, dass die Anzeige eher mäßige Aussicht auf Erfolg hatte - und selbst 
wenn, hätte eine Geldstrafe o.Ä. den beiden auch nicht ernsthaft geschadet. Uns ging 
es um den Druck und um einen Image-Schaden der Beiden, falls sie ihre Inhalte verteidigen würden. 

 Wer war maßgeblich daran beteiligt? 
 
Wir haben das als BundessprecherInnenrat der Linksjugend ['solid] gemacht. 
Sobald es öffentlich wurde, haben sich noch einige andere Initiativen dazu geäußert 
und sich mit uns solidarisiert. 
 
 Was ist danach alles passiert? 
 
Die Presse hat nach ca. 2 Tagen reagiert und viele Beiträge, Artikel etc. veröffentlicht. 
Viele haben uns angerufen und Interviews gemacht, einige JournalistInnen sagten uns, dass sie versuchten Xavas zu interviewen, die reagierten aber nicht darauf. Auch ihr Management und der Sender Pro7, auf dem Xavier Naidoo aktuell in einer Castingshow zu sehen war, schwiegen. 
 
 Welche Reaktionen gab es nach der Anzeige? 
 
Es war unglaublich. Ein gigantischer Shitstorm brach los, bei Facebook wie 
auch auf anderen Plattformen, per E-Mail, einige Spinner riefen sogar in unserem Büro an. 
Die 'Fans' von Xavas gifteten uns aufs Übelste an. Mit homophoben, rassistischen, sexistischen und sonstwie gruseligen Beschimpfungen und Aussagen wurden wir "bombardiert". Die menschenverachtenden Inhalte wurde verteidigt bzw. legitimiert, die Diskussion war grauenhaft. Natürlich haben wir von "vernünftigen" Stellen auch viel Zuspruch und Unterstützung bekommen. 

Xavas reagierten nach ein paar Tagen des Pressedrucks auch mit einer Stellungnahme auf ihrer Homepage. Wir begrüßten das sehr, denn das war ja unser Anliegen. Leider gingen sie in der Stellungsnahme nicht auf die inhaltlichen Vorwürfe ein, sondern verteidigten den Song sogar noch. Das fanden wir sehr schade und rückten deshalb auch nicht von unseren Vorwürfen ab. 

 Blieben die Reaktionen sachlich? Habt ihr damit gerechnet? Fühltet 
 ihr euch dagegen gewappnet? 
 
Die Reaktionen der Fans waren überhaupt nicht sachlich. Kaum jemand ging ernsthaft 
auf die Vorwürfe oder den Text ein. Die meisten beschimpften uns als Personen 
oder Organisation oder als 'Linke' an sich. Dazu kam, dass einige die Inhalte verteidigten 
bzw. meinten, es sei doch richtig Homosexuelle zu töten etc. 
Viele VerschwörungstheoretikerInnen waren auch dabei. Damit haben wir wirklich nicht gerechnet. Also in dieser Masse und Heftigkeit hätten wir das nie erwartet. Auf soviel konnten wir gar nicht reagieren. Wir haben versucht, bei facebook die Diskussion ein bisschen sachlicher zu gestalten, was schwierig war. Den Menschen, die uns per Mail geschrieben haben, haben wir geantwortet. Aber schlussendich hat das alles nur gezeigt, dass unsere Kritik ins Schwarze getroffen hat. Selbst wenn Xavas den Text anders meinten, ihre Fans haben ihn so aufgefasst und verteidigt, wie wir das interpretiert haben. Das hätten wir den Beiden auch gern vorgesetzt. 

 XAVAS sollen im Büro der Bundesgeschäftsstelle der Linksjugend ['solid] gewesen sein. Was wurde dort genau besprochen? 

Die beiden Künstler kamen in unserem Büro vorbei, um mit uns über die Vorwürfe zu sprechen. Da es ein Wochentag war, waren nur unsere Angestellten anwesend und nicht wir BundessprecherInnen. Sie baten um ein Gespräch und waren sehr freundlich. Sie sagten, wie sollen an ihr Management Terminvorschläge schicken. Sie wollten, dass keine Presse o.Ä. anwesend ist. Wir freuten uns über das Angebot und schickten ihnen verschiedene Terminvorschläge. Nach einiger Zeit (die Termine waren bereits verstrichen und das Presseecho verklungen) erhielten wir die Antwort vom Management, dass Xavas keine Zeit haben. 

 Wie geht es jetzt weiter? 
 
Wir bedauern sehr, dass das Gespräch nicht zustande gekommen ist. Es sieht beinahe so aus, als würden sie das Interesse an dem Gespräch verloren haben, weil auch die Medienaufmerksamkeit jetzt nicht mehr da ist und sie somit nicht mehr unter Druck stehen. Wenn es wirklich nur darum ging, ist das schade. Immerhin haben sie in ihrer Stellungnahme geschrieben, dass sie gegen Homophobie sind und der Song nicht so gemeint war. Dann können sie sich auch einer produktiven Diskussion stellen und im Zweifel den Song abändern - denn dass er auch anders verstanden werden kann und wird, zeigen ja die Reaktionen ihrer Fans. Wir werden in den nächsten Tagen nochmal eine Presseerklärung herausgeben, in der wir unsere Beweggründe für die Aktion darlegen und unser Bedauern über das nicht-zustandegekommene Gespräch ausdrücken. 

 Siehst du die Anzeige als Erfolg für die Linksjugend ['solid]? 
 
Ich glaube, wir hatten mit der Aktion Erfolg, weil jetzt mehr Menschen von dem Song wissen 
und er ziemlich breit in den Medien diskutiert wurde. Xavas gerieten unter Druck, sich zu äußern. Das zeigt, dass Künstler mit solchen Inhalten nicht ohne Weiteres damit durchkommen. Zudem: Wir hoffen, dass zumindest einige Fans jetzt vorsichtiger mit den Songtexten umgehen.


Das Interview führte Patrick Weinz aus dem LandessprecherInnenrat der Linksjugend [´solid] Brandenburg im Dezember 2012 - vielen Dank an Josi und Patrick.