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1. Mai international - Jom HaShoah in Israel PDF Drucken

Andere Länder, andere Sitten, so könnte mensch meinen. Während in Deutschland das geneigte Publikum entweder in die Kirche ("Christi Himmelfahrt"), einen Bollerwagen hinter sich herziehend zum nächsten Biergarten ("Herrentag") oder dann doch wenigstens progressiv auf die Straße 'zum revolutionären 1. Mai' zieht, wird in Israel der 1. Mai in diesem Jahr als Jom HaShoah, als Shoah-Gedenktag, begangen. Bei genauerer Beschäftigung mit diesem Gedenktag lässt sich einiges über Israel lernen und das eigene Verhältnis zum Widerstand im "Dritten Reich" reflektieren.

Anders als in Deutschland (und von der UN so anerkannt), wo den Opfern der "nationalsozialistischen Gewaltherrschaft" am 27. Januar und damit am Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz gedacht wird, hatten sich die Israelis ursprünglich entschlossen, den Opfern der Shoah am Jahrestag des Beginn des Aufstands im Warschauer Ghetto zu gedenken. Dieser fällt auf den 18. April des gregorianischen Kalenders, nach jüdischem Kalender ein Tag nach Ende des Pessach-Festes. Da der Shoah-Gedenktag nicht einen Tag nach einem der wichtigsten jüdischen Feiertage stattfinden sollte (an Pessach wird dem Auszug aus Ägypten gedacht), wurde er 8 Tage vor den Unabhängigkeitstag gelegt, dieses Jahr also auf den 1. Mai. Einige ultraorthodoxe Juden begehen diesen Tag jedoch nicht, da er in den jüdischen Monat Nisan fällt, in dem Trauertage verboten sind. Der Jom HaShoah geht auf eine Initiative von Israels erstem Premier Ben Gurion und Präsidenten Ben-Zvi zurück.

Im Warschauer Ghetto wurden ab Oktober 1940 alle jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner Warschaus von den deutschen Besatzern zusammengetrieben, auf 2,4 % der Stadtfläche hausten somit 30% der BewohnerInnen. Allein im Juni 1942 starben 100.000 Menschen an den katastrophalen Bedingungen. Als das Ghetto 1943 endgültig geräumt und die letzten Bewohner in die Vernichtungslager deportiert werden sollten, kommt es zu heftigem Widerstand der im Ghetto verbliebenen, oft jugendlichen und in der Regel zionistisch und/oder kommunistisch orientierten Mitglieder der ZOB (Jüdische Kampforganisation - Żydowska Organizacja Bojowa) und des ZZW (Jüdischer Militärverband - Żydowski Związek Wojskowy). Zwischenzeitlich sahen sich einige deutsche Verbände gezwungen, die weiße Fahne zu schwenken und um Waffenruhe zu bitten, so erbittert war der Widerstand. Die Niederlage war dennoch unausweichlich.

An der Wahl diesen Datums (trotz der Verschiebung) erkennt man das Verhältnis des jungen iraelischen Staates der späten 1940er und 1950er Jahre zur Shoah. Während man sich mit der Rolle der Mehrzahl der Jüdinnen und Juden, die sich vermeintlich wie „die Lämmer zur Schlachtbank“ führen ließen und damit für einige die typischen Diaspora-Juden verkörperten, sah man sich in der Tradition der kämpfenden Warschauer Aufständischen, die für den neuen, zionistischen Menschen standen, der Israel aufbauen sollte. So klingt der volle Name des Jom HaShoah auch recht martialisch: Tag der Märtyrer und Helden. Dieses Bild der jüdischen Opfer änderte sich in Israel erst mit dem Eichmann-Prozess Anfang der 1960er Jahre, bis dahin war auch im Land der Überlebenden die Shoah ziemlich tabuisiert.

Ist diese Herangehensweise aus Sicht der Israelis verständlich, so müssen doch einige Dinge kritisch überdacht und festgehalten werden.

Das Bild der wehrlosen Juedinnen und Juden, die den Deutschen noch Aufgaben bei der eigenen Vernichtung abnahmen, stimmt so nicht. Neben dem Warschauer Ghetto-Aufstand gibt es noch zahlreiche andere Beispiele von heftigem juedischen Widerstand: Der Aufstand des „Sonderkommandos“ in Auschwitz-Birkenau, die Bielski-Partisanen in den russischen Waeldern, von den zahlreichen juedischen Freiwilligen in den Armeen der Alliierten ganz zu schweigen. Wer, vielleicht auch nur unbewusst, durch die Betonung der passiven Haltung der Opfer die Täterinnen und Täter zu entlasten versucht, macht sich einer unzulässigen Relativierung schuldig.

Darüber hinaus müssen wir uns aber auch fragen, warum wir immer so auf den kämpfenden Widerstand pochen, warum uns die Betonung der direkten gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen TäterInnen und Opfern so wichtig erscheint. Wem nutzte ein solcher Widerstand? Ohne die enorme Leistung der Aufständischen in Warschau oder Auschwitz-Birkenau schmälern zu wollen, ihre Taten machen es vor allem uns Nachgeborenen oder Nicht-Beteiligten leichter, das Geschehene zu verarbeiten. Sie wehrten sich ja, es gab ja einen Kampf. Die eigentlichen Konsequenzen sind zumindest fragwürdig. Ein anderes Beispiel: Für die jüdische Familie, die 1944 von deutschen Wehrmachtsangehörigen oder sogenannten Einsatzgruppen in einen russischen Wald getrieben wurde, um dort nackt in einer Grube erschossen zu werden, stand zu diesem Zeitpunkt fest: Am Abend würde sie tot sein. Und so entschieden sich viele für eine andere Form des Widerstands: Sie nahmen einander in den Arm, umarmten, verabschiedeten und trösteten sich. Das hat keinen Nutzen für uns heute, aber es bleibt zu hoffen, dass es ihnen geholfen hat.

Die heldenhaften Aktionen von jüdischen WiderstandskämpferInnen waren ungeheuer wichtig, ihnen zu gedenken ist es ebenfalls. Doch wer darüber hinaus die Perversion, die Sinnlosig- und Grauenhaftigkeit des Alltags der Vernichtung der europäischen Juden beinahe vergisst, wer ständig nach dem aggressiven Widerstand der zu Opfern Gemachten sucht, der trägt zu einer Verkitschung der Shoah und damit auch ein Stück weit zu einer Entlastung der deutschen TäterInnen bei.

In ganz Israel klangen am 1. Mai um 10 Uhr für zwei Minuten die Sirenen, der Verkehr und das gesamte öffentliche Leben standen still. Auch ein Anlass für uns, inne zu halten und der Millionen Opfern zu gedenken, die, alle auf ihre Weise, versucht haben, den bis dato undenkbaren und bis heute nicht in Worte zu fassenden Geschehnissen entgegenzutreten.

Daniel Poensgen, Israel